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Ein Blick hinaus über den Tellerrand: Tschechien

Düsseldorf. (MR/DR) In Deutschland ist die Eishockeywelt bekanntlich klein und überschaubar und eher unwichtig, im Nachbarland Tschechien ist es allerdings DER Lieblingssport Nr. 1! Um der Euphorie und Leidenschaft des Volkes dieser Sportart gegenüber ein wenig auf den Grund zu gehen, trieb es uns in den Norden des Landes, nach Nord-Böhmen; hier sahen wir an verschiedenen Standorten vier Ligaspiele im Seniorenbereich sowie ein Nachwuchsspiel in der Altersklasse unserer DNL.

Liberec-Litvinov

Liberec-Litvinov

Wer jetzt aber denkt, dazu benötige man zwei bis drei Wochenenden, dem sei gesagt, dass hier die Uhren sehr viel anders ticken! Hier kann man auf einer Ost-West Strecke von ca. 200 km fast an jedem Wochentag (!) ein Ligaspiel anschauen! In einem Land, das bei gerade einmal 10,5 Mio. Einwohnern 111.000 registrierte Eishockey-Spieler aufweisen kann bei einer Fläche, die nur ein Viertel Deutschlands entspricht, verwundert diese Tatsache allerdings dann eher weniger (im Vergleich: Deutschland ca. 81 Mio. Einwohner und weniger als 30.000 registrierte Spieler!). Doch die Anfangszeiten der Spiele sind zum Teil für deutsche Verhältnisse ungewöhnlich, wenn es montags, mittwochs oder freitags bereits um 17:30 Uhr losgeht. Dass die Standorte dann auch noch sehr gut mit Hallen bestückt sind, ist für den Eishockeysport hier ein Traum: da liegen teilweise drei Hallen nebeneinander! Da muss man in Deutschland lange suchen und ins Bundesleistungszentrum nach Füssen oder nach Mannheim fahren, um ähnliche Voraussetzungen vorzufinden.

Die Fans kommen gerne und zahlreich zu den Spielen, die Eintrittspreise sind niedrig (ca. 4 € für einen Stehplatz, 10 – 15 € für den Sitzplatz, für das ge- und beliebte einheimische Bier muß man nur zwischen 95 Cent und 1,50 € pro 0,5 Liter Becher berappen), dafür sind zumindest in der höchsten Spielklasse, der Tipsport Extraliga, die Eisflächen nahezu komplett vermarktet, dass man fast kein weiß der Eisfläche mehr erkennt (ca. 25 Sponsoren tummeln sich dort als Untereiswerbung zusätzlich zum Liga-, Stadt-, Team- und Hallenlogo). Dass Spieler mit ihren Trikots wie wandelnde Litfassäulen auf dem Eis stehen, ist ja nichts Ungewöhnliches, wohl aber bei den Schiedsrichtern, die ebenfalls 7 (!) Werbepartner trugen. Der Sport hier wird also komplett von Sponsoren getragen.

Aber auch im Nachwuchs sind die Tschechen um einiges voraus. In Liberec wurden wir Ohrenzeuge, wie ein deutscher Vater seinen etwa 10-jährigen Sprössling im Nachwuchs der dortigen Bili Tygri anmelden wollte – ein „Grenzgänger“ aus dem benachbarten Zittau. Er sieht seinen Sohn hier besser gefördert, als wenn er ihn mehrmals in der Woche nach Dresden fahren würde.

Da hier sehr viel Eishockey im Fernsehen übertragen wird, gab es in der Extraliga pro Drittel zwei Werbepausen, die auch gerne um einiges länger sind als die 90 Sekunden in der DEL. Anders als in Deutschland wird aber hier auch in der Halle ein Fight oder ein harter Hit gerne mehrfach und aus verschiedenen Einstellungen auf dem Videowürfel wiederholt. Überhaupt konnte man viele Szenen auf dem Videowürfel direkt nochmals ansehen, auch in der 1. Liga, was hier meist nur bei „Fernsehspielen“ möglich ist.

Das Spielniveau ist gut, die Spiele der Extraliga, die wir sahen, entsprachen etwa der DEL, technisch anspruchsvoller. Aber man kann sicher die Spielstärke besser bei Spielen z.B. der CHL vergleichen, wenn zwei unterschiedliche Ligateams aufeinanderstoßen. Auffällig ist allerdings, dass man hier kaum Nordamerikaner in den Teams findet: offenbar vergibt man die Ausländerlizenzen eher an Spieler aus dem Nachbarland Slowakei. Das U19-Spiel aber, das wir anschauten, war um einiges besser als man in dieser recht frühen Saisonphase in unserer deutschen DNL zu sehen bekam.

Dennoch ist auch im tschechischen Eishockey nicht alles Gold, was glänzt. So sorgt eine Korruptionsaffäre um den ehemaligen Auswahltrainer Vladimir Rucicka für Aufsehen und Empörung. Rucicka soll Gelder eines Spielervaters entgegengenommen haben, nur damit dessen Sohn Eiszeiten bei Rucickas früherem Arbeitgeber HC Slavia Prag garantiert bekommt. Vladimir Rucicka ist aktuell Trainer beim Extraliga Aufsteiger Pirati Chomutov, unserem letzten Ziel der Reise. Von Empörung über die Machenschaften des Erfolgscoaches ist zumindest an diesem Standort nichts zu spüren, im Gegenteil. Der Coach hat sich hier einen Zehnjahresvertrag gesichert.

Fazit: Die Eishockeynation Tschechien ist mit seinen Trainings-, Spielbetriebs- und Vermarktungsmöglichkeiten dem deutschen Nachbarn um Längen voraus, auch wenn es einige Störfeuer gibt! Hier wird der Eishockeysport noch immer geliebt und gelebt, sei es an einem Montag, Dienstag, Mittwoch, ….

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