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NHL, Allstar-Game, Nashville, John Scott, Nashville. (LM) Das Allstar-Game der NHL wurde von einem Spieler dominiert der – gemessen an seinen Fähigkeiten – nie... Großer Scott!

All-Star-logoNHL, Allstar-Game, Nashville, John Scott, Nashville. (LM) Das Allstar-Game der NHL wurde von einem Spieler dominiert der – gemessen an seinen Fähigkeiten – nie zu dieser Showveranstaltung der besten und schnellsten Eishockeyspielers der Liga eingeladen worden wäre. John Scott war der Liebling der Fans, und der ungewöhnliche Star am vergangenen Wochenende in Nashville.

Sportfilme aus Hollywood haben oftmals so unglaubwürdige Geschichten, dass der Zuschauer sich nach dem – natürlich selbstverständlichen – Happy End der meisten Streifen unweigerlich die Frage stellt, wie ein Drehbuchschreiber auf einen so hanebüchenen Handlungsverlauf kommen konnte. Seit dem vergangenen Wochenende gibt es zumindest eine reale Vorlage für einen kitschigen, unglaubwürdigen und vielleicht auch deshalb grandiosen Filmverlauf mehr.

285 Spiele, 5 Tore, 6 Vorlagen und 542 Strafminuten
John Scott hat in seiner NHL-Karriere insgesamt 285 Spiele für die Minnesota Wild, Chicago Blackhawks, New York Rangers, Buffalo Sabres, San Jose Sharks und die Arizona Coyotes absolviert. In neun Jahren erzielte er dabei 5 Tore und gab 6 Vorlagen. Scott ist allerdings auch kein Stürmer, der aufs Eis geschickt wird um Tore zu erzielen oder seine Mitspieler in Szene zu setzen. Häufig soll der Stürmer seine Kollegen eher beschützen. Das englische Eishockeylexikon hat einen Begriff für den Spielertyp, den der 2,01m-Hühne verkörpert: Enforcer. John Scott sorgt für Ordnung auf dem Eis. Teilweise dadurch, dass er gar nicht auf dem Spielfeld ist, sondern nur in voller Ausrüstung auf der Bank seines Teams sitzt. Die Gegner wissen dann ganz genau, dass sie sich keine hinterlistigen Aktionen gegen die guten Spieler von Scotts Mannschaft leisten können. Wenn doch, dann könnte es schmerzhaft werden. Bei Bedarf springt Scott über die Bande, schnappt sich den „Bösewicht“ des anderen Teams, und die Fäuste des 116kg-Mannes sorgen in den meisten Fällen dafür, dass es keinen weiteren Fehltritt gegen die spielerisch besseren Mannschaftskameraden von Scott gibt. Zur Not wird Scott auch bei einem hohen Rückstand aufs Eis geschickt, um mit einer kleinen Boxeinlage ein Signal zu setzen, und Fans und Mitspieler wachzurütteln. Kurz gesagt, Scott verkörpert eine aussterbende Spezies, die im modernen, schnellen und technisch hochwertigen Eishockey immer weniger gefragt ist. In der Ligazentrale in New York wäre die Marketingabteilung froh, wenn es keine „John Scotts“ mehr in der NHL geben würde.

#VoteJohnScott
Die Wünsche der National Hockey League sind aber nicht immer identisch mit dem, was die Eishockeyfans in Nordamerika wünschenswert finden. Für viele gehört die harte und brutale Seite des Kufensports eben auch zur NHL. Ein guter Faustkampf entspricht einer guten Show, und speziell in den USA hat der Unterhaltungsaspekt eine ebenso große Bedeutung wie der sportliche Wert eines Spiels.

Anfang Dezember 2015, kurz nach dem Start der Abstimmung zum Allstar-Game 2016 verbreitete sich in den sozialen Netzwerken der Hashtag #VoteJohnScott wie ein Lauffeuer. Der Coyotes-Spieler lag schon nach wenigen Tagen bei der Abstimmung für den Kapitän der Mannschaft der Pacific Division in Führung. Sofort wurden einige Medien aufmerksam auf diese Entwicklung. Ähnliche Kampagnen hatte es zuvor zwar bereits gegeben, aber dabei handelte es sich eher um „nationale“ Bewegungen. So wurde 2015 der Litauer Zemgus Girgensons von den Buffalo Sabres durch eine Initiative litauischer Fans ins Allstar-Team gewählt. Und in der NBA profitierte jahrelang der Chinese Yao Ming von den Stimmen seiner Landsleute (Wobei Ming in einigen Spielzeiten aufgrund seiner Leistung auch berechtigt gewählt wurde).

Als er von den Zwischenergebnissen erfuhr, sagte Scott, er möchte nicht gewählt werden, weil er nicht glaube, dass er mit seinen Fähigkeiten einen Platz in diesem Spiel verdient hätte. Auch aus internen Kreisen der NHL wurden Stimmen laut, die sich gegen eine Nominierung von Scott aussprachen. Zudem war der Stürmer in verschiedenen Saisonphasen gar nicht mehr im Kader seiner Arizona Coyotes, weil er zurück in das Farmteam Springfield Falcons in der AHL geschickt wurde.

NHL bittet Scott auf Teilnahme zu verzichten
Die Gerüchte um den Widerstand gegen die Nominierung von John Scott befeuerten die Kampagne der Fans umso mehr. Als die Wahlphase Anfang Januar beendet war stand fest, dass Scott der Spieler aus der Pacific Division mit den meisten Stimmen war, und somit eigentlich als Kapitän die Mannschaft anführen müsste. Doch die Liga versuchte weiterhin den Start von Scott zu verhindern.

Sowohl die NHL, wie auch die Arizona Coyotes, Scotts damaliger Arbeitgeber, fragten den 33-jährigen, ob er auf die Teilnahme am Allstar-Game verzichten würde. Sogar eine abgeschwächte Teilnahme, bei der Scott zwar am Wochenende in Nashville, nicht aber an den Aktivitäten auf dem Eis teilnehmen würde, wurde als Alternative vorgeschlagen. Spätestens als Scott von einem Verantwortlichen der Liga gefragt wurde, „ob er denn glauben würde, dass sein Auftritt beim Allstar-Game etwas wäre, worauf seine Kinder stolz sein würden „, war für den Betroffenen klar, dass er am Spiel teilnimmt. Die Fans hatten Scott gewählt, und er würde den Wunsch der Fans erfüllen.

Trade nach Montreal als letzter Schachzug der Liga
Einen Schachzug hatte die NHL aber noch in der Hinterhand. Am 15. Januar gab es einen Trade zwischen den Canadians, Predators und Coyotes . Scott war ursprünglich nicht Bestandteil dieses Tauschgeschäfts, aber Arizona wollte den Forward offensichtlich loswerden. Der NHL-Experte Bob McKenzie vom kanadischen Senders TSN sprach mit einem Vertreter aus Montreal über das Tauschgeschäft.

“Ich kann Ihnen sagen, dass die Montreal Canadians überhaupt kein Interesse daran hatten, John Scott in diesem Trade zu bekommen. Die Arizona Coyotes wollten ihn als Teil des Deals. Sie können Ihre eigenen Schlüsse daraus ziehen. Viele Leute haben Verschwörungstheorien. Was auch immer der Grund gewesen ist, es war Arizona, das ihn in diesem Tausch sehen wollte, nicht die Montreal Canadians.”

Die Canadians schickten Scott, den sie gar nicht in ihrem Verein haben wollten, direkt in die AHL zum eigenen Farmteam St. John’s IceCaps. Damit schien das Kapitel Allstar-Game für John Scott endgültig beendet zu sein. Er war nicht nur wieder aus der NHL in die AHL degradiert worden, außerdem gehörten die Canadians zur Metropolitan Division, für die Scott nicht ins Team gewählt worden war. Zwar gab es einen Präzedenzfall, bei dem ein Spieler direkt vor dem Allstar-Game in die andere Conference getauscht worden war , anschließend aber trotzdem für sein altes Team auflaufen durfte. Jedoch war der Spieler damals nicht auch noch in die „zweite Liga“ abgestellt worden. Die Tür für das Wochenende in Nashville schien sich für John Scott geschlossen zu haben.

Wie häufig hatte die NHL die eigenen Fans unterschätzt. Ein Sturm der Entrüstung brach auf diversen sozialen Kanälen los. Selbst seriöse Medien sahen einen faden Beigeschmack im Tauschgeschäft und kritisierten die National Hockey League. Die Liga selber äußerte sich tagelang gar nicht. Dann wurde per Pressemitteilung verkündet, dass John Scott selbstverständlich doch am Allstar-Game teilnehmen dürfte. Der Liebling des Volkes konnte also trotz aller Widerstände doch am großen Spiel mit den Superstars der Liga teilnehmen. Alleine diese Kapitel hätten als Geschichte für einen schnulzigen Film ausgereicht. Letztlich war es nur die Ouvertüre für das Grande Finale am Allstar-Wochenende!

Wertvollster Spieler im Kreise der Superstars!
Schon am Samstag bei der „Skills Competition“, dem großen Einzelwettbewerb in verschiedenen Disziplinen, wurde John Scott von den Fans in Nashville frenetisch bejubelt. Im eigentlichen Spiel am Sonntag – in diesem Jahr erstmals ein Turnier im Format 3 gegen 3 – zeigte Scott dann, dass er auf dem Eis mehr Fähigkeiten hat, als nur den Faustkampf. Mit dem ersten Schuss aufs Tor traf Scott für sein Team, und legte später bei einem Konter noch einen zweiten Treffer nach. Statt sich unter den schnelleren und talentierteren Spielern zu blamieren, drückte Scott dem kompletten Wochenende seinen Stempel auf. Angeführt von ihrem gefeierten Kapitän gewann die Pacific Division das Turnier, und Scott wurde selbstverständlich von den Fans zum wertvollsten Spieler gewählt. Am Ende trugen seine Mitspieler den bulligen Flügelstürmer auf ihren Schultern und absolvierten mit John Scott eine Ehrenrunde in der Bridgestone Arena.

Ob ein Drehbuchschreiber mit dieser Geschichte einen Produzenten von einer Verfilmung überzeugen könnte, ist mehr als fraglich. Aber vielleicht ist genau das die Besonderheit von John Scott’s All Star Game. Eine Geschichte, so unfassbar und unrealistisch, wenn sie nicht wirklich passiert wäre. Spät am Abend, in der Kabine der Siegermannschaft der Pacific Division, wurde noch der Helm von John Scott abgeholt, um ihn in Zukunft in der Hockey Hall of Fame in Toronto auszustellen. Natürlich!

 

[1] Für die Montreal Canadians hat Scott noch kein NHL-Spiel bestritten.
[1] Auszug aus dem Artikel von Scott auf http://www.theplayerstribune.com/a-guy-like-me/
[1] Montreal Canadians erhielten Victor Bartley und John Scott, Nashville Predators Stefan Elliott und Arizona Coyotes Jarred Tinordi und Stefan Fournier.
[1] Sandis Ozilinsh wurde am 30.01.2003 von den Florida Panthers zu den Anaheim Ducks getauscht.

Redaktion

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