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Berlin / Duisburg. (TWL) Ulf Baranowsky ist Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV). Sie wurde bereits 1987 mit Benno Möhlmann, Ewald Lienen und Frank... Zum Thema „Eishockey-Spielergewerkschaft“ – Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV) im Interview: „Wenn die Sportler zusammenhalten, haben sie alle Trümpfe in der Hand“

Ulf Baranowsky, Geschäftsführer der VDV. – © VDV/Firo

Berlin / Duisburg. (TWL) Ulf Baranowsky ist Geschäftsführer der Vereinigung der Vertragsfußballspieler (VDV). Sie wurde bereits 1987 mit Benno Möhlmann, Ewald Lienen und Frank Pagelsdorf an der Spitze gegründet. Der Magister der Publizistik- und Kommunikationswissenschaft, Soziologie und Sportwissenschaft ist ausgebildeter DFB-Trainer und DFB-Vereinsmanager, sowie Vorstandsmitglied des DFB-VDV-Versorgungswerks.

Der ehemalige deutsche Nationalspieler und NHL-Profi Uli Hiemer, der vor vielen Jahren die Idee einer Spielergewerkschaft nach Deutschland brachte, hat Moritz Müller und Patrick Reimer den Tipp gegeben, sich an die VdV und Ulf Baranowsky zu wenden. Mit Ulf Baranowsky haben wir über die Pläne einer deutschen Eishockey-Spielergewerkschaft gesprochen. Das Interview führte Thomas Wisniewski-Lüke.

Eishockey-Magazin: Herr Baranowsky, seit einigen Wochen wird aufgrund der finanziellen Situation der deutschen Eishockeyclubs – bedingt durch die Corona-Epidemie – über einen Gehaltsverzicht in der DEL diskutiert. Moritz Müller von den Kölner Haien und Patrick Reimer von den Nürnberg Icet Tigers sind vor einigen Wochen in die Medien gegangen und forderten eine Spielergewerkschaft im deutschen Eishockey. Waren Sie darüber überrascht?
Ulf Baranowsky: Aus der Erfahrung wissen wir, dass insbesondere in Krisenzeiten die Bereitschaft von Angestellten größer ist, sich für die Arbeitnehmerinteressen zu engagieren. Schließlich stellen Krisen oft auch Chancen dar, notwendige Verbesserungen herbeizuführen. Daher sollten auch Klubs und Verbände Sozialpartnerschaften als Chance begreifen.

Eishockey-Magazin: Es gab ja schon in den 90er Jahren einen Versuch, eine Spielergewerkschaft (die damalige VdE) zu etablieren. Der Versuch ist versandet. Wie sehen Sie jetzt die Diskussion? Moritz Müller hat davon gesprochen, dass man mit der Gründung einer Spielergewerkschaft „noch in den Kinderschuhen“ stecke, aber fest gewillt sei das „durchzuziehen“ und hofft, dass die Liga das jetzt auch akzeptiert“. Wie sehen Sie die Chancen?
Ulf Baranowsky: Der Gesetzgeber hat den Arbeitnehmern mit dem Tarifvertragsgesetz und dem Betriebsverfassungsgesetz erhebliche Mitbestimmungsinstrumente bereitgestellt. Somit liegt es in der Hand der Sportler selbst, diese Rechte wahrzunehmen. Je mehr Arbeitnehmer mitmachen und je größer die Bereitschaft ist, notfalls auch gewerkschaftliche Mittel einzusetzen, desto erfolgreicher wird die Mission sein.

Uli Hiemer – © EVF Media/PR

Eishockey-Magazin: Der ehemalige deutsche Nationalspieler und NHL-Profi Uli Hiemer, der vor vielen Jahren die Idee einer Spielergewerkschaft nach Deutschland brachte, hat Moritz Müller und Patrick Reimer den Tipp gegeben, sich an die VdV und an Sie zu wenden. Sie haben angeboten zu helfen: Wie kann Ihre Hilfe aussehen?
Ulf Baranowsky: Wir haben in der Vergangenheit schon häufiger Fragen von Sportlern anderer Sportarten zur Mitbestimmung beantwortet und auch über unsere Erfahrungen aus dem Fußball berichtet. Wenn Fragen kommen sollten, helfen wir grundsätzlich gerne. Schließlich gilt es, dass die Sportler insgesamt eine stärkere Stimme erhalten. Denn ein fairer Interessenausgleich ist in der Regel ein solides Fundament für eine nachhaltige Weiterentwicklung des Sports.

Eishockey-Magazin: Sie haben verschiedene Punkte genannt, bei denen Sie helfen können: „Kurzarbeit, Mitbestimmung, Stundungen, Teilverzichte“. Im Moment ist der Gehaltsverzicht der Profis in der Diskussion. Wie könnte eine Spielergewerkschaft in Deutschland auf solche Pläne reagieren?
Ulf Baranowsky: Grundsätzlich sind Kurzarbeit, Stundungen und Teilverzichte nur möglich, wenn die Arbeitnehmer dem ausdrücklich zustimmen. Entsprechende Regelungen können auch tarifvertraglich getroffen werden. Ein Tarifvertrag bietet die Möglichkeit, die sehr spezifischen arbeitsrechtlichen Fragen einer Branche einvernehmlich und rechtssicher zu lösen. Das gilt beispielsweise auch für Fragen zur freien Arztwahl, zu Vertragsstrafen, zum Datenschutz, zum Beschäftigungsanspruch oder zur Verteilung von Erlösen aus der Vermarktung der Bild- und Namensrechte der Sportler. Darüber hinaus bietet sich gerade in Zeiten einer Pandemie auf der Ebene der betrieblichen Mitbestimmung die Möglichkeit, Fragen des Gesundheitsschutzes mit einer Betriebsvereinbarung zwischen Betriebsrat und Klub zu regeln.

Eishockey-Magazin:: In der NHL werden Tarifverhandlungen geführt. Es gab Arbeitskämpfe mit Lockouts. Wäre das in Deutschland auch vorstellbar?
Ulf Baranowsky: Ja! Auch in Deutschland haben Arbeitnehmer grundsätzlich die Möglichkeit, ihre Interessen mit gewerkschaftlichen Mitteln durchzusetzen – also den Abschluss eines Tarifvertrags notfalls mit einem gewerkschaftlich organisierten Streik zu erzwingen.

Eishockey-Magazin: Leider gibt es immer noch Unternehmensführungen, die gewerkschaftliche Strukturen im Betrieb ablehnen. Was denken Sie, wie sieht das im deutschen Eishockey mit den Eigentümern und Sponsoren aus?
Ulf Baranowsky: Die Situation im deutschen Eishockey möchte ich aus der Ferne nicht beurteilen. Im Fußball sieht es so aus, dass in zahlreichen europäischen Ländern Tarifverträge längst etabliert sind, da auch Klubs und Verbände ganz erheblich von der damit verbundenen Rechtssicherheit und Friedenpflicht profitieren. Selbst die FIFA fordert in einem aktuellen Rundschreiben zur Covid-19-Pandemie ausdrücklich den Abschluss von Tarifverträgen auf nationaler Ebene. In Deutschland hat die VDV als Spielergewerkschaft zwar Kooperationsvereinbarungen mit dem DFB und der DFL geschlossen, auf deren Basis ein Dialog und eine projektbezogene Zusammenarbeit stattfindet. Tarifverträge gibt es hierzulande allerdings noch nicht, was auch daran liegen dürfte, dass der Großteil der Klubs die Chancen einer funktionierenden Sozialpartnerschaft noch nicht erkannt hat. Zudem war auf Arbeitnehmerseite der Druck noch nicht so groß, dass der Einsatz gewerkschaftlicher Mittel mehrheitlich gefordert wurde. Allerdings hat sich während der Pandemie gezeigt, dass sich dies unter bestimmten Voraussetzungen innerhalb weniger Stunden ändern kann.

Eishockey-Magazin: Die Gewerkschaften argumentieren damit, dass beide Seiten (Arbeitgeber und Beschäftigte) profitieren können. Was hätten die Eigentümer der deutschen Vereine von einer Spielergewerkschaft?
Ulf Baranowsky: Zunächst hätte er Angestellte, die sich in höherem Maß mit ihrem Arbeitgeber identifizieren, was sich insbesondere auf der Leistungsebene positiv bemerkbar machen dürfte. Zudem profitieren Unternehmen mit Tarifverträgen von der Rechtssicherheit und der damit verbundenen Friedensplicht. Dadurch wird auch die Wertigkeit der TV-Rechte erhöht, da dann grundsätzlich nicht mehr das Risiko besteht, dass während der Laufzeit des Tarifvertrags gestreikt wird und Spiele nicht stattfinden. Ebenso sollte der Marketingaspekt beachtet werden: Neulich hatten wir beispielsweise einen Anruf von unseren Gewerkschaftskollegen aus Spanien. Ein Spieler interessierte sich für einen Wechsel nach Deutschland und ließ anfragen, welche tarifvertraglichen Bonusleistungen ihn hier erwarten. Als wir dann erklären mussten, dass es in Deutschland überhaupt noch keine Tarifverträge im Fußball gibt, beschloss der Spieler, lieber in Spanien zu bleiben. Wer also international vermarktbare Spitzenspieler verpflichten möchte, der muss auch konkurrenzfähige Arbeitsbedingungen anbieten. Ferner sollten soziale Aspekte berücksichtigt werden: Gerade in Ligen mit überschaubarem Gehaltsniveau haben die Klubs eine besondere Fürsorgepflicht für die Sportler. Dabei sollte auch die Vorbildfunktion gegenüber den Fans nicht vergessen werde. Schließlich sind viele von ihnen selbst Arbeitnehmer und dürfen somit erwarten, dass in ihren Klubs Werte wie Fairness, Mitbestimmung, Solidarität und Sozialpartnerschaft tatsächlich gelebt werden.

Eishockey-Magazin: Befürchten Sie Nichtbeachtung oder Blockaden, weil die Eigentümer am längeren (finanziellen) Hebel sitzen?
Ulf Baranowsky: Dass es leider auch Arbeitgeber gibt, die Mitbestimmung blockieren und Arbeitnehmerschutzbestimmungen umgehen, ist hinreichend bekannt. Wenn die Sportler allerdings zusammenhalten, haben sie alle Trümpfe in der Hand, Betriebsräte zu gründen und Tarifverträge abzuschließen. Ärzte, Erzieherinnen oder auch Lokführer haben exemplarisch gezeigt, was diesbezüglich in einzelnen Branchen möglich ist.

Eishockey-Magazin: Wie könnte eine gewerkschaftliche Organisation der Spieler in Deutschland aussehen. Mit hauptamtlichen, ehrenamtlichen Strukturen? Ehemaligen Spielern, die mitarbeiten? Einem Geschäftsführerr, der sich um das Tagesgeschäft der Spielergewerkschaft kümmert?
Ulf Baranowsky: Von nichts kommt nichts: Gerade am Anfang einer Entwicklung wird großes ehrenamtliches und finanzielles Engagement gefordert sein. Es wird sich zudem die Frage stellen, welche zusätzlichen Serviceleistungen – wie beispielsweise Rechtsberatung oder Laufbahncoaching – eine Gewerkschaft für ihre Mitglieder anbieten will und kann. Um dauerhaft erfolgreich zu sein, wird dann ein Professionalisierungsprozess stattfinden müssen. Denn gute Gewerkschaftsarbeit ist teuer; sie erfordert viel Knowhow und erhebliche personelle Ressourcen.

Eishockey-Magazin: In der NHL wählen die aktiven Spieler eines jeden der 31 Franchises einen Spielervertreter aus ihren Reihen. Die wählen einen Präsidenten, der sich für die Interessen der organisierten Spieler einsetzt. Wäre das ein Modell für das deutsche Eishockey?
Ulf Baranowsky: Die Systeme unterscheiden sich erheblich und sind somit nur bedingt vergleichbar. Die Strukturen sind grundsätzlich an die Vorgaben des Tarifvertragsgesetzes und des Betriebsverfassungsgesetzes anzupassen. Darüber hinaus sind natürlich auch informelle Formen des Dialogs denkbar.

Eishockey-Magazin: In der NHL sind ca. 750 Profis in der Spielergewerkschaft organisiert. Gekümmert wird sich um Tariffragen, aber auch Bereiche wie Marketing, Lizenzierung, Rente, Versicherung und Kommunikation. Also viel Service, den bieten ja auch die deutschen Gewerkschaften. Dazu könnte auch ein Ärztenetzwerk gehören, so hat es jetzt Moritz Müller vorgeschlagen. Damit könnte man unter Umständen die Vereine entlasten. Das wäre doch eigentlich eine Win-win-Situation für beide Seiten?
Ulf Baranowsky: In der Tat! Im Fußball gibt es ähnliche Kooperationslösungen wie das DFB-VDV-Versorgungswerk oder die gemeinsame sportpsychologische Netzwerkinitiative MENTAL GESTÄRKT. Zudem gibt es VDV-Beisitzer im DFB-Sportgericht und im DFB-Bundesgericht. Darüber hinaus werden bestimmte Hilfsangebote – wie unser VDV-Proficamp für vereinslose Spieler oder unsere Präventionsschulungen – unterstützt.

Rob Zepp als Aktiver (Eisbaeren Berlin) – © Sportfoto-Sale (JB)

Eishockey-Magazin: Rob Zepp, der ehemalige deutsche Nationaltorhüter, arbeitet bei der National Hockey League Players‘ Association, der Gewerkschaft der nordamerikanischen Profiliga NHL. Er kümmert sich dort zum Beispiel um die NHL-Torhüter, unter anderem um die Verbesserung des Equipments. Es geht also auch um Qualität und um die Fortentwicklung des Spiels. Damit wäre vielleicht auch ein besseres Niveau möglich?
Ulf Baranowsky: Es gibt zahlreiche Beispiele, die belegen, dass eine Zusammenarbeit für beide Seiten positiv sein kann. Nur wer den kritischen Dialog mit These und Antithese zulässt, wird zur Synthese kommen.

Eishockey-Magazin: Ziel der NHL-Gewerkschaft ist es auch, Kinder, aber auch Erwachsene für Eishockey zu begeistern und möglichst viele auf die Eisfläche zu bringen. Werbung für das Eishockey. Werbung für mehr Sichtbarkeit. Auch hier in Deutschland?
Ulf Baranowsky: Selbstverständlich muss es das Bestreben von Sportlern sein, Kinder und Jugendliche für den Sport zu begeistern und ihnen in der Vorbildrolle Werte zu vermitteln. Dafür eignen sich auch gemeinsame Kampagnen von Klubs, Verbänden und Gewerkschaften. Im Fußball ist es zuletzt beispielsweise recht spontan gelungen, gemeinsam Zeichen gegen Rassismus und Diskriminierungen zu setzen.

Eishockey-Magazin: Wie geht das für Sie aus? Gibt es den nächsten Schritt und die Gründung einer Gewerkschaft? Was glauben Sie?
Ulf Baranowsky: Das ist eine schwere Aufgabe, aber auch eine große Chance. Ich drücke den Kollegen kräftig die Daumen, dass sie bei den Sportlern einen starken Zuspruch finden und ihre Ziele erreichen; wenn vielleicht nicht sofort als Gewerkschaft, dann zumindest als einflussreicher Berufsverband.

Eishockey-Magazin: Wenn ja, ab wann wäre dann eine deutsche Spielergewerkschaft im Eishockey arbeitsfähig?
Ulf Baranowsky: Wenn die meisten Sportler mitziehen, kann das sehr schnell geschehen.

Eishockey-Magazin: Vielen Dank für das Interview.

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