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Düsseldorf. (DR) Viel wird gerade über den Weggang namhafter Nationalspielerinnen aus der deutschen Bundesliga – hauptsächlich in Richtung Schweden – diskutiert. Eishockey-Magazin hat sich... Torhüterin Jule Flötgen (Färjestad BK): „Für mich passt in Schweden einfach alles zusammen, und ich fühle mich wohl in dem Land“
Jule Flötgen - Leksands IF – © Bildbyrån

Jule Flötgen – Leksands IF – © Bildbyrån

Düsseldorf. (DR) Viel wird gerade über den Weggang namhafter Nationalspielerinnen aus der deutschen Bundesliga – hauptsächlich in Richtung Schweden – diskutiert. Eishockey-Magazin hat sich an die Fersen von Torhüterin Jule Flötgen geheftet, die seit Jahren als bislang einzige deutsche Spielerin in ihre sechste Saison in Schweden geht, und nachgefragt, was den Reiz ausmacht, in Schweden zu spielen.

Des weiteren sprach die 30-jährige über ihre schwierige letzte Saison in Leksand und den Wechsel nach Färjestad, den vielfältigen, professionellen Möglichkeiten für Frauen im dortigen Eishockey, die Aufmerksamkeit des Fraueneishockeys in der Öffentlichkeit und die Tücken der schwedischen Sprache.
Ebenfalls blickte Jule Flötgen in dem Gespräch auf ihre ersten Schritte im Eishockey zurück, ihren prägenden Werdegang beim EC Bergkamen, sowie die Herzenssache – die vom ehemaligen DEL-Spieler Dr. Martin Hyun (Krefeld Pinguine) ins Leben gerufene „Hockey is Diversity“, die sich unter anderem für die Bekämpfung von Rassismus im Eishockey einsetzt.

Das Interview führte Mitarbeiter Detlef Ross (DR).

DR: Hallo Jule, wo erreichen wir dich gerade?

Jule Flötgen: Hallo, derzeit bin ich in Schweden und besuche ein paar Freunde, um gemeinsam Midsommar zu verbringen.

DR: Du hast vor wenigen Tagen bekannt gegeben, dass du in der kommenden Saison für den schwedischen Club Färjestad BK aufs Eis gehst und somit Leksands IF verlässt. Wie kam es zu diesem Wechsel?

Jule Flötgen: Ich hatte eine schwierige Saison in Leksand, die vor allem durch meine Gehirnerschütterung und den Nachwirkungen geprägt war. Ich hatte nicht das Gefühl, volle Unterstützung und Rückendeckung von den Trainern zu erhalten, und war eher unsicher, was die nächste Saison betrifft. Dann haben sich die Verantwortlichen von Färjestad bei mir gemeldet, und es hat sich von Anfang an gut angefühlt. Sie haben mir gezeigt, dass sie mich als Person schätzen und mir als Torwart vertrauen, und wissen, was ich leisten kann. Ich habe zunächst ein wenig gezögert, da dieser Wechsel auch gleichzeitig den Schritt in die zweite Liga bedeutet, jedoch wurde ich schnell davon überzeugt, dass der Verein sehr professionell arbeitet und die Bedingungen denen der SDHL entsprechen. Der Verein möchte unbedingt aufsteigen und hat neben mir noch weitere erfahrene SDHL- und Nationalspielerinnen verpflichtet. Ich freue mich auf eine etwas andere Herausforderung in diesem Jahr, und es fühlt sich definitiv richtig an.

Frauen haben in Schweden die Möglichkeit, auf dem selben professionellen Niveau zu trainieren wie die Männer

DR: Das ist dann deine sechste Saison – mit einer kurzen Unterbrechung – die du in Schweden spielst. Nach Stationen bei HV´71, Göteborg HC, AIK und Leksands IF nun also Färjestad BK. Kannst du uns die größten Unterschiede zwischen der schwedischen Frauenliga (SDHL) und der Frauen Bundesliga (DFEL) nennen?

Jule Flötgen: Die Leistungsdichte ist in Schweden höher und die Lücke zwischen den besten Teams und den „schlechteren“ ist geringer. Es gibt mehr starke Mannschaften und Spielerinnen. In Schweden gibt es keine direkte Begrenzung der Ausländeranzahl, wodurch sehr viele europäische Nationalspielerinnen in der Liga spielen und zusätzlich auch ehemalige Nationalspielerinnen aus Kanada und den USA.
Bis auf zwei Mannschaften (SDE, GHC) gehören alle Teams der SDHL Vereinen an, die in der SHL oder HockeyAllsvenskan (zweite schwedische Liga) spielen und über gute Sponsoren verfügen. Die Frauenmannschaften werden finanziell sehr gut unterstützt und erhalten beste Trainingsvoraussetzungen. Es wird 1-2 mal am Tag trainiert. Die Spielerinnen, die nicht arbeiten müssen, bekommen meist die Chance extra aufs Eis zu gehen, und die jungen Mädels sind auf einem Hockeygymnasium, wodurch sie morgens gemeinsam Eistraining haben. Zusätzlich sind die Sportplätze an der Eishalle und Krafträume/Fitnessstudios immer von den Spielerinnen nutzbar. Dies gibt den Frauen die Möglichkeit, auf dem selben professionellen Niveau zu trainieren wie die Männer. Finanziell erhalten die Spielerinnen je nach Vertrag und Verein auch eine Unterstützung, können aber in den meisten Fällen leider nicht davon Leben und arbeiten zusätzlich.
Die Förderung durch das Land ist in Deutschland jedoch besser, zumindest was die Nationalspielerinnen betrifft. In Deutschland gibt es die Sporthilfe und die Sportfördergruppe der Bundeswehr, wodurch einige Nationalspielerinnen Profis sein können. Diese Möglichkeit ist in Schweden nicht gegeben.

DR: Was macht für dich den besonderen Reiz aus, in Schweden zu spielen?

Jule Flötgen: Ich kann gar nicht genau sagen, was der ausschlaggebende Punkt ist. Für mich passt einfach alles zusammen. Ich habe viele Freunde in Schweden gefunden, der Sport gibt mir trotz des hohen Aufwands immer noch sehr viel und ich fühle mich in dem Land wohl.

DR: Nach fünf Jahren in Schweden, wie klappt es mit der schwedischen Sprache?

Jule Flötgen: Leider immer noch zu schlecht. Ich verstehe zwar alles und meine Mitspielerinnen reden schwedisch mit mir, jedoch antworte ich grundsätzlich auf Englisch. Ich denke, ich könnte auch auf Schwedisch antworten, die Scham ist aber zu groß und es wird einem zu leicht gemacht englisch zu sprechen, da jeder die Sprache beherrscht.

DR: Du warst für mehrere Jahre die einzige Spielerin aus Deutschland, die in der SDHL Fuß gefasst hat. Jetzt wechseln mit Bernadette Karpf (Leksands IF), Marie Delarbre, Nicola und Tanja Eisenschmid (alle Djurgardens Stockholm IF) gleich vier Spielerinnen von Meister ERC Ingolstadt nach Schweden. Gute Entscheidung für die Spielerinnen, schlechte Nachrichten für die DFEL?

Jule Flötgen: Ich denke, es ist gut für die Mädels, mal etwas anderes zu sehen und sich tagtäglich beim Training und bei jedem Spiel beweisen zu müssen. Gerade für Nici und Berni, die bisher noch nicht im Ausland gespielt haben. In Deutschland stechen die Nationalspielerinnen in den Mannschaften sehr hervor (zumindest in den Spielen, die ich gesehen habe, bin ja jetzt doch schon einige Zeit nicht mehr in der Liga aktiv). In Schweden sind es natürlich immer noch Topspielerinnen, allerdings ist dort der Konkurrenzkampf um einiges höher. Es fällt mir schwer zu beurteilen, was es für die DFEL bedeutet, aber für Ingolstadt ist es natürlich ein herber Verlust.

DR: Glaubst du, dass bei diesem „Ausverkauf“ etwas beim DEB verschlafen wurde, um wichtige, starke Spielerinnen im eigenen Land halten zu können? Fehlt die nötige Professionalität in Deutschland?

Jule Flötgen:
Meiner Meinung nach sollten DEL Vereine verpflichtet sein, eine Frauenmannschaft zu haben oder mit den entsprechenden umliegenden Vereinen zu kooperieren und diese mitzufinanzieren. Für reine Frauenvereine ist es schwierig, die nötige finanzielle Unterstützung durch Sponsoren zu erhalten. Meist reicht das Geld gerade aus, um den Ligabetrieb aufrecht zu erhalten, den Spielerinnen kann dadurch wenig bis gar nichts geboten werden, und die Trainingsbedingungen sind nicht gut genug um den Sport professionell zu betreiben.
Zudem sollte die Anzahl der erlaubten Ausländer erhöht werden, um die Qualität in der Liga zu
steigern und die jungen Mädels, die lieber aufgrund des Tempos und der Härte bei den Jungs spielen, in die Liga zu locken. Selbstverständlich ist mir bewusst, dass das nur möglich ist, wenn die Budgets der Vereine erhöht werden.

DR: Wie ist im allgemeinen die Akzeptanz und Wahrnehmung der SDHL in der schwedischen Öffentlichkeit im Vergleich zur DFEL, die hier ja eher ein „Mauerblümchendasein“ fristet?

Jule Flötgen: Sehr gut! Alle Spiele der SDHL werden bei CMORE (vergleichbar mit SKY) online übertragen. Ein Spiel in der Woche ist im Fernsehen auf CMORE zu sehen und 1-2 Mal im Monat wird ein Spiel auf SVT im free-TV übertragen.

Jule Flötgen im Tor des EC Bergkamen – © Michael Kahms

Jule Flötgen im Tor des EC Bergkamen – © Michael Kahms

DR: Du kommst aus Dinslaken, und hast dort auch das Eishockey erlernt. In welchem Alter bist du zum Eishockey gekommen, und warum überhaupt Eishockey?

Jule Flötgen: Mein Bruder David, der 5 ½ Jahre älter ist, hat gespielt und ich bin somit quasi von Anfang an in der Eishalle gewesen. Mit 3 Jahren habe ich dann in der Laufschule selbst angefangen.

DR: Seit wann stehst du im Tor?

Jule Flötgen: Ich wurde schon früher immer beim Spielen auf der Straße von meinem Bruder und seinen Freunden ins Tor gestellt. Ich fand es super und wollte schon immer ins Tor. Ich war zugegeben auch ein wenig faul und dachte damals es wäre nicht ganz so anstrengend. Wie sehr man sich doch täuschen kann.
Meine Eltern fanden die Idee, ins Tor zu gehen zunächst nicht wirklich gut, denn am Ende ist der
Torwart immer Schuld und das wollten sie mir ersparen.
Als ich dann 12 war, waren an einem Tag alle Torhüter krank oder verletzt. Das war meine Chance
einzuspringen, und ich bin danach nie wieder zurück in die Verteidigung.

Bergkamen hat mich als Torhüterin, aber vor allem als Person sehr geprägt

DR: Insgesamt hast du 11 Jahre für den EC Bergkamen – „Die Bären“ das Tor gehütet. Wie fällt dein Rückblick auf diese lange Zeit aus? Könntest du dir vorstellen, noch einmal in die Bundesliga zurückzukehren?

Jule Flötgen: Bergkamen hat mich als Torhüterin, aber vor allem als Person sehr geprägt. Ich habe jede Menge tolle Leute und Freunde fürs Leben kennen lernen und mit ihnen zusammen spielen dürfen. Wir hatten immer sehr schwierige Voraussetzungen in Bergkamen, aber die Mannschaft und der Zusammenhalt hat so viel rausgerissen. Auch Robert Bruns, meinem damaliger Trainer in all der
Zeit, habe ich viel zu verdanken. Er hat mir sehr früh Vertrauen entgegengebracht und mich auch in
schwierigen Zeiten immer unterstützt und gezeigt, was wichtig ist. Ich möchte keine Saison in
Bergkamen missen, und ich wäre ohne all die verschiedenen Charaktere in der Mannschaft und dem
Verein nicht die Person, die ich heute bin.
Ich bin wirklich dankbar für die Zeit, jedoch kann ich mir gerade nicht vorstellen, in Bergkamen und der Bundesliga zu spielen. Der Großteil des Teams ist mittlerweile verändert, und dies war der
Hauptgrund für eine so gute Zeit in Bergkamen. Derzeit denke ich, dass ich komplett aufhören
werde, sobald ich mich dazu entscheide, Schweden zu verlassen. Aber man weiß nie, was die
Zukunft bringen wird.

Einsatz für Hockey is Diversity - Alena Hahn, Jule Flötgen, Michelle Lübbert – © Privat

Einsatz für Hockey is Diversity – Alena Hahn, Jule Flötgen, Michelle Lübbert – © Privat

DR: Am vergangenen Wochenende standest du in deinem Geburtsort Dinslaken für „Hockey is Diversity“ auf dem Eis. Wie unterstützt du die Organisation, die sich gegen Rassismus einsetzt, und wie war es für dich, mal wieder in der Heimat aufs Eis zu gehen? Musstest du lange überlegen, um hierfür zuzusagen?

Jule Flötgen: Ich bin schon eine längere Zeit mit Martin (Dr. Martin Hyun), Peter (Goldbach) und Katie (Ketzel) in Kontakt und unterstütze Hockey is Diversity so gut ich kann. Die Arbeit von HiD ist enorm wichtig, da wir in den Punkten Rassismus, Vielfalt und Gleichberechtigung in der Gesellschaft und im Sport immer noch sehr viel aufzuholen haben. Ich habe keine Sekunde gezögert, als Martin mich gefragt hat, ob ich an dem Spiel teilnehmen mag. Ich habe mich gefreut, mit vielen bekannten und neuen Gesichtern gemeinsam für eine gute Sache auf dem Eis zu stehen und eine gute Zeit zu haben. Dass es in Dinslaken war, hat es natürlich noch einmal etwas besonderer gemacht. Ich hoffe, dass sich die Veranstaltung in Dinslaken etablieren wird und wir gemeinsam noch viele Zeichen setzen können!

DR: Vielen Dank, dass du dir Zeit genommen hast, um unsere Fragen zu beantworten.

Michaela-Ross

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