München. (EM) Es war fast nicht anders zu erwarten. Zwei schwache WM-Turniere und ein enttäuschendes olympisches Eishockeyturnier waren am Ende einfach zuviel, um am Bundestrainer Harold Kreis weiter festzuhalten.
Und so kam es wie es fast kommen musste: Nach der DEB Aufsichtsratssitzung Anfang der Woche wurde beschlossen einen neuen Impuls zu setzen. Der verdiente und stets freundliche Harold Kreis muss seinen Posten räumen.
Die Entscheidung war, wie man an diversen Fan-Reaktionen sehen kann, für viele nachvollziehbar. Man hat sich, wie es immer so schön heißt, in beiderseitigem Einvernehmen getrennt. Der Vertrag von Harold Kreis lief noch bis 2027, also bis nach der Heim-WM im kommenden Mai. Wie die Trennung in finanzieller Hinsicht vollzogen wurde, weiß man nicht. „In beiderseitigem Einvernehmen“ halt.
Besetzung des Trainers eine Entscheidung mit besonderer Tragweite
Selbstverständlich wird sich der Deutsche Eishockey Bund (DEB) die erforderliche Zeit nehmen, um die für ihn bestmögliche Lösung zu finden. Schließlich ist die Weltmeisterschaft im eigenen Land 2027 ein krass wichtiges Turnier für den Verband. Es gilt mit einem guten Turnier verloren gegangenen Kredit bei den eigenen Fans wieder zurückzugewinnen, sich medial gut mit der größtmöglichen Reichweite zu präsentieren und nicht zuletzt auch wirtschaftlich das bestmögliche Ergebnis zu erzielen, um in den kommenden Jahren weiter wachsen zu können. Die Besetzung des Trainerpostens ist also von großer Tragweite.
Nach dem vorzeitigen Aus für Harold Kreis als Bundestrainer benötigt der Deutsche Eishockey Bund nun also einen neuen Headcoach, der nicht nur in seinem Job fachlich akzeptiert ist und begeistern kann. Der neue Mann sollte möglichst auch Visionen mitbringen, wie man die stagnierende Entwicklung wieder vorantreiben kann.
Wer aber käme infrage und wäre auch noch vertraglich ungebunden? Und wer hätte Interesse das DEB-Schiff in rauer See zu übernehmen?
Situation nicht neu für den DEB
Die Situation ist für den DEB nicht völlig neu. Uwe Krupp hatte einen riesigen Erfahrungsschatz als Spieler, aber bis auf ein wenig „Heranschnuppern“ an den Trainerjob im Nachwuchs und bei der deutschen U20 Nationalmannschaft keinerlei Trainererfahrung, Dennoch vertraute man ihm Ende 2005 als Nachfolger des gescheiterten Greg Poss die Nationalmannschaft an und ging mit ihm ins olympische Turnier. Die Ära Krupp wurde mit der Heim WM 2010 gekrönt und endete 2011. Das Halbfinale 2010 war bis dahin der größte Erfolg nach Bronze 1976.
Auch Marco Sturm übernahm 2015 ohne Trainererfahrung das DEB-Team. Der Weg unter Sturm ist bekannt. Er gipfelte in der Silbermedaille 2018 bei Olympia. Mittlerweile ist er in der NHL-Coach der Boston Bruins. Und auch Sturms Nachfolger, der Finne Toni Söderholm, wurde mit wenig Erfahrung vom Oberligisten SC Riessersee in das Bundestraineramt gehievt. Immerhin wurde er mit den Werdenfelsern vor deren Insolvenz 2017/18 Trainer des Jahres in der DEL2.
Im Zuge struktureller Reformen (das 2014 eingeführte Powerplay 26, das 5-Sterne Programm usw.) war dem DEB mit Marco Sturm seinerzeit ein mutiger, aber richtiger Schritt gelungen, den Toni Söderholm weiterführen konnte.
Mittlerweile vermissen viele Eishockeyfreunde in Deutschland die Fortführung von Powerplay 26. Das ist sicherlich nicht ausschließlich, aber auch in besonderem Maße auch die Aufgabe von Vorstand Sport Christian Künast, der nun aber erst einmal einen neuen Bundestrainer finden muss.
Vollzeit-Bundestrainer oder Doppelfunktion?
Wer also soll es nun machen? Offiziell dringen keine Namen nach außen, wenngleich einige Kandidaten ins Auge fallen und auf der Wunschliste der Fans immer wieder auftauchen. Die Frage ist, was der DEB möchte und was möglich ist? Sucht man weiter einen vollumfänglich nur für die Nationalmannschaft verantwortlichen Trainer? Oder wäre eine Doppelfunktion, als Bundestrainer neben einer Tätigkeit in einem Klub, denkbar?
Wunschliste lang, aber wer ist wirklich ein Kandidat?

Ein Mann der frei wäre ist der Schweizer Patrick Fischer, der kurz vor der Schweizer Heim-WM über ein gefälschtes Impf-Zertifikat gestolpert war. (wir berichteten)
Uwe Krupp (60, jetzt EV Landshut) wird auch immer wieder als Kandidat gehandelt, gilt aber längst nicht mehr als Visionär. Denkbar wäre ein Gespann. Der erfahrene Uwe Krupp mit dem gerade erst vom Eis abgetretenen Korbinian Holzer, der vor einem knappen Monat nach seinem Karriereende vom DEB als Berater und Teammanager der U20 engagiert wurde. Nicht ausgeschlossen, dass Holzer schneller näher an die A-Nationalmannschaft rückt als selbst gedacht. Ähnliche Voraussetzungen würden Marcel Goc (Assistent in Mannheim), Jochen Hecht (Assistent in Nürnberg) oder Christian Ehrhoff mitbringen.
Berlins Meistercoach Serge Aubin war schon einige Male als Assistent für den DEB tätig, hat sich aber gerade erst zu einem Wechsel in die Schweiz entschieden. Kaum denkbar ihn zu bekommen.
Alex Sulzer bringt ähnliche Voraussetzungen mit wie seinerzeit Marco Sturm, leistet in Bremerhaven gute Arbeit, ist aber als Assistent von Harold Kreis alles andere als unverbraucht im Nationalteam.
Ein Kandidat aus dem eigenen Stall wäre U20 Bundestrainer Tobi Abstreiter.
Jamie Kompon (59), lange Jahre in der NHL tätig und bei Olympia als Co-Trainer dabei, dürfte bestenfalls ein Außenseiterkandidat sein.
Pavel Gross, lange Jahre in der DEL als Spieler und Trainer aktiv, ist mittlerweile Assistenztrainer beim tschechischen Verband.
Aus dem Kreis der DEL-Trainer werden immer wieder neben Alex Sulzer auch der Ingolstädter Mark French und Thomas Popiesch (Krefeld) als Fan-Wunsch genannt.
Wer am Ende von all den genannten Trainern und Ex-Spielern überhaupt ein Kandidat ist und Interesse hat bleibt abzuwerten. Es mangelt zumindest nicht an „Wunschkandidaten“ und an Bewerbern beim DEB sicherlich auch nicht. Wirklich direkt aufdrängen tut sich aber auch scheinbar niemand aus diesem Kreis, da entweder zu unerfahren oder vertraglich gebunden.
Man darf gespannt sein, wem die Nationalmannschaft zukünftig anvertraut wird und welche Kompetenzen der neue Mann erhalten wird. Es bleibt spannend, denn bis zu diesem Zeitpunkt ist alles mehr Wunsch und Spekulation.
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