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Halle. (JR) Manuel Hiemer hat im Nachwuchs der Starbulls Rosenheim seine Karriere als Eishockeyspieler begonnen. Der gelernte Verteidiger hat unter anderem für den EHC... Manuel Hiemer (Präsident LEV Sachsen-Anhalt) im Interview: „Wir müssen unbedingt am richtigen Strang ziehen und die alten Seilschaften kappen“

Manuel Hiemer – © LEV Sachsen-Anhalt Media-PR

Halle. (JR) Manuel Hiemer hat im Nachwuchs der Starbulls Rosenheim seine Karriere als Eishockeyspieler begonnen.

Der gelernte Verteidiger hat unter anderem für den EHC München in der 2. Liga gespielt. Der gebürtige Bayer ist in Halle in Sachsen-Anhalt sesshaft geworden und ist dort als Präsident des Eissportverbandes Sachsen-Anhalt tätig. Wir haben ihm ein paar Fragen zu der Entwicklung im Deutschen Eishockey gestellt.

Eishockey-Magazin (EM) / Jörg Reich (JR): Hallo Herr Hiemer, vielen Dank, dass wir Ihnen ein paar Fragen stellen dürfen!

Die Deutsche Eishockey-Nationalmannschaft hat bei der letzten Weltmeisterschaft einen hervorragenden vierten Platz belegt. Nach Olympia-Silber 2018 ein weiteres dickes Ausrufezeichen und damit ein weiterer Imagegewinn. Wie sehen Sie die sportliche Entwicklung der Nationalmannschaft?

Manuel Hiemer: Die Deutsche Eishockey-Nationalmannschaft hat sich in den vergangenen 5 Jahren hervorragend entwickelt. Sowohl läuferisch als auch technisch ist die Mannschaft in ganzer Breite auf dem Niveau der Top 6. Lediglich bei den Spielabläufen, der Routine im taktischen Verhalten und im Abschluss fehlen noch kleine Entwicklungsschritte, um dauerhaft um Medaillen zu spielen. Hierfür sind einerseits noch mehr deutsche Spieler in der NHL notwendig und andererseits muss das Niveau in der DEL noch weiter steigen.

E-M /J. R.: Großen Anteil daran haben sicherlich Marco Sturm und Toni Söderholm, aber auch der ausgeschiedene Sportdirektor Stefan Schaidnagel, der viele Strukturen neu geschaffen hat. Um langfristig erfolgreich zu sein, muss daran weitergearbeitet werden und auch die Anzahl an Deutschen Spielern in der DEL erhöht werden. Wie sehen Sie das?

Manuel Hiemer: Man kann die Entwicklung nicht nur an diesen drei Personen allein festmachen. Obwohl Marco Sturm und Stefan Schaidnagel sicherlich einen Bärenanteil an der Entwicklung hatten. Es waren aber auch sportfachlich kompetente Trainer_innen wie z.B. Tobias Abstreiter, Steffen Ziesche oder Franziska Busch, die kontinuierlich an der Verbesserung der Nachwuchsarbeit gefeilt haben. Zusätzlich wurde durch die intensive Vereinsbetreuung noch mehr Fokus auf die Ausbildung an der Basis gelegt. Hier gilt es mit bestens ausgebildetem Personal weiterzuarbeiten. Leider gleichen die jüngsten Besetzungen aber vielmehr einem Rückschritt in alte Zeiten, wie wir sie zu Beginn des Jahrtausends hatten. Dass eine Reduzierung der Kontingentstellen sinnvoll ist, hat uns doch die Schweiz jahrelang vorgemacht. Zu den schweizer Zahlen müssen wir auch kommen, möglichst zeitnah!

E-M /J. R.: Worin sehen Sie die Gründe, warum das Deutsche Eishockey in den letzten Jahren immer öfters sportliche Erfolge feiern konnte?

Manuel Hiemer: Es wurde in verschiedenen Bereichen stets daran gearbeitet, ein maximal hohes Niveau zu erreichen. Dies betrifft die Traineraus- und weiterbildung, die bereits erwähnte Vereinsbetreuung, die Qualität bei der Erarbeitung von Regionalkonzepten, die Arbeit mit den einzelnen U-Mannschaften und schließlich das Niveau im Ligaspielbetrieb der Nachwuchsmannschaften. Es wurde, wie gesagt, in sehr vielen Bereichen stets darauf geachtet, das Niveau der Vorsaison immer wieder ein Stück höher zu setzen. Leider nimmt genau diese Entwicklung aktuell wieder enorm an Fahrt ab. Noch profitieren Sportler_innen und Mannschaften von den letzten 5-6 Jahren. Mal sehen, wie lange das noch anhält…

E-M /J. R.: Kann das Deutsche Eishockey auch in den nächsten Jahren weiter erfolgreich sein? Besteht die Möglichkeit, dass man in den nächsten Jahren auch von einer Medaille bei einer Weltmeisterschaft träumen kann?

Manuel Hiemer: Das hängt, wie gerade geschildert, von der Personalbesetzung ab. Fährt man den aktuellen Kurs so weiter, dann sicherlich nicht. Kehrt man zurück zu dem Weg 2014 bis 2020 und führt ihn sukzessive fort, dann wären Medaillen mittelfristig keine Utopie mehr.

E-M /J. R.: Wie sehen Sie die Entwicklung im Nachwuchs in Deutschland insgesamt in den Jahrgängen 2004, 2005, 2006 und jünger? Gibt es hier ähnliche Talente wie zum Beispiel im Jahrgang 2002?

Manuel Hiemer: Das ist in diesem jungen Alter schwer abzuschätzen. Es passiert so viel mit den Kindern auf dem Weg vom Teenager über das Jugendalter hin zum Erwachsenenbereich. Die Talente sind sicherlich da. Vor allem in den Jahrgängen 2007 und jünger wirkt gerade die enorm verbesserte Traineraus- und weiterbildung. Hier sind die Kinder bereits in jungen Jahren sehr nah am Nachwuchs der Top 6 dran. Ob es für diese Jahrgänge eine Entwicklung wie bei Reichel, Seider oder Stützle mit mehr Quantität geben kann, wird sich zeigen. Die Talente dazu gibt es auf jeden Fall.

E-M /J. R.: Die derzeitigen Erfolge der Nationalmannschaft sollten genutzt werden, um auch die strukturellen Voraussetzungen neben dem Eis zu verbessern. Sehen Sie das auch so?

Manuel Hiemer: Dazu hat die Sportart Eishockey nach wie vor zu wenig Reichweite! Fragen Sie in Halle oder Bremen mal jemanden nach Lukas Reichel, Tim Stützle oder Franz Reindl. Da gibt es nur ein Schulterzucken und einen fragenden Blick. Nein. Die Lobbyarbeit, um strukturelle Voraussetzungen zu verbessern, muss auf jeder Ebene über motivierte und engagierte Funktionäre erfolgen. Da muss möglichst schnell ein enormer Ruck durch Spitzenverband, Landesverbände und Vereine gehen. Amtsinhaber, die vornehmlich bestrebt sind ihr Amt zu verwalten und dabei möglichst noch einen ordentlichen Nebenverdienst zu erwirtschaften, sind jetzt definitiv fehl am Platz. Die letzten 8-10 Monate haben sehr deutlich gezeigt, dass da noch viele Krusten aufgebrochen werden müssen, um die Sportart Eishockey strukturell auf das Niveau 2021 zu bringen.

E-M /J. R.: Der DEB als Verband ist für die Nationalmannschaft und den Nachwuchs zuständig, die DEL und die DEL2 sind eigenständige Ligen. Wie würden Sie die Zusammenarbeit zwischen Verband und Ligen einstufen?

Manuel Hiemer: Die Zusammenarbeit hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert. Das Bewusstsein der Proficlubs für eine zielführende Nachwuchsarbeit ist definitiv gestiegen. Reicht das schon? Auf keinen Fall! Da steckt noch sehr viel Entwicklungspotential in dieser Zusammenarbeit. Die Regelungen bzgl. Förderlizenzen sind nach wie vor stark verbesserbar. Die Abstimmung zu Trainingsmaßnahmen für die U20 und A Nationalmannschaften müsste unbedingt optimiert werden. Ein weiterer Punkt ist auch noch die Frühsichtung von Talenten, bei der DEL, DEL 2, DEB und Landesverbände viel besser
zusammenarbeiten könnten. Nur beißt sich hier wieder die Katze in den Schwanz. Alles steht und fällt mit dem richtigen Personal. Und da beginnt nun mal alles ganz oben, im Spitzenfachverband… Sie wissen schon, die Sache mit dem Fisch und dem Kopf.

E-M /J. R.: Im Konzept Powerplay 2026 ist unter anderem vorgesehen, die Kontingentstellen in der DEL bis zum Jahr 2026 auf sechs je Team zu reduzieren. Obwohl andere Voraussetzungen wie eine verbesserte Nachwuchsarbeit längst erfüllt wurden, ist in diesem Bereich seit Jahren nichts passiert. Können Sie das verstehen? Wo liegen für Sie die Gründe dafür?

Manuel Hiemer: Das ist ein weiterer Punkt. Hier steckt ebenfalls noch sehr viel Potential in der Zusammenarbeit. Da wurde in den letzten 12 Monaten ein ganz wichtiger Schritt verpasst. Man muss, wie ja eigentlich vereinbart ist, die Kontingentstellen reduzieren. Nur so werden z.B. vermehrt auch junge deutsche Talente entscheidende Positionen in den Special Teams einnehmen können. Eine starke, sachlich überzeugende und motivierende Verbandsspitze kann das erwirken. Aktuell scheint es genau da zu hapern. Leider!

E-M /J. R.: Die DEL und die DEL 2 sind eigenständige Ligen. Für das Deutsche Eishockey würde ein funktionierendes Ligensystem mit geregeltem Auf- und Abstieg und einer Anpassung der Kontingentstellen der DEL an die DEL2, z.B. sechs in der DEL, vier in der DEL2, zielführender sein. Wie sehen Sie das?

Manuel Hiemer: Einfache Antwort: Da gebe ich Ihnen völlig Recht!

E-M /J. R.: Man hat den Eindruck, der DEB ist entweder nicht in der Lage zu handeln oder er wird fast komplett von der DEL gelenkt. Kritische Stimmen scheinen nicht erwünscht. Mit Stefan Schaidnagel wurde der sehr ehrgeizige, geradlinige und für die DEL auch schon mal unbequeme Sportdirektor entlassen. Es wirft insgesamt nicht gerade ein gutes Bild auf DEB und DEL?

Manuel Hiemer: Das kann man so nicht sagen. Die Zusammenarbeit zwischen DEB und DEL wurde ja wirklich besser. Natürlich ist so eine Entlassung, bei der irgendwie niemand etwas dazu sagen darf, sehr merkwürdig. Inwiefern sich da ein Zusammenspiel zwischen DEB und DEL verhält, kann ich wirklich nicht beurteilen. Möchte ich ehrlich gesagt auch nicht. Vielleicht erfahren wir dazu irgendwann mal hilfreiche Details. Zu hoffen wäre es schon. Aber bis dahin sollte man weder spekulieren noch mutmaßen.

E-M /J. R.: Franz Reindl ist seit ca. 30 Jahren so etwas wie der „starke Mann“ beim DEB. Es ist durchaus verwunderlich, wieso er sich nicht mehr für die Belange des DEB’s gegenüber der DEL einsetzt, wie es doch eine längst überfällige Reduzierung der Kontingentstellen wäre. Sehen Sie das nicht so?

Manuel Hiemer: Franz Reindl ist doch der Erfinder der DEL. Er wird sich nie mit der DEL anlegen. Auf der anderen Seite hat er es tatsächlich geschafft, die DEL wieder „ins Boot des DEB“ zu holen. Nun ist es aber an der Zeit über diesen einen Erfolg hinwegzusehen und zu prüfen, was da wirklich noch besser laufen kann und muss. Hier ist vor allem der Sportdirektor gefragt. Er müsste Reindl dazu bringen, seine DEL-Lastigkeit abzulegen und umzudenken. Unser aktueller Sportdirektor ist aber doch dazu überhaupt nicht in der Lage. Das ist ein Problem, vor dem man die Augen nicht verschließen darf.

E-M /J. R.: Zuletzt gab es Berichte bezüglich Ungereimtheiten beim DEB und den Verbindungen Franz Reindl’s. Einige Landesverbände, wie der von Sachsen-Anhalt, sind um Aufklärung bemüht. Sehen Sie auch den DEB bemüht, dies entsprechend aufzuklären?

Manuel Hiemer: Nein. Die Verantwortlichen beim DEB versuchen doch, uns mit juristischen Winkelzügen und der Stimmungsmache bei den Mitgliedern kleinzureden. Aber die Aufklärung muss erfolgen. Dazu ist die Sachlage zu schwerwiegend. Wir rechnen eigentlich jeden Tag mit der Fertiggestellung der fachlichen Stellungnahme, die durch den Hessischen Eishockeyverband in Auftrag gegeben wurde. Die dabei
durchgeführte, intensive Prüfung wird genau darlegen, wieviel Verstöße es gab und welcher Natur diese genau waren. Nur mit einer derart fundierten Prüfung kann man letztendlich einen sauberen
Sport tatsächlich gewährleisten. Und das ist unsere Pflicht als Mitglieder des Spitzenfachverbandes. Wir müssen dafür sorgen, dass unsere Sportart sauber wird und dann auch bleibt.

E-M /J. R.: Gibt es eventuell auch Unterstützung von Clubs aus den verschiedenen Ligen bezüglich einer Aufklärung?

Manuel Hiemer: Es gibt mittlerweile erste Anzeichen, dass sich neben weiteren Verbänden auch Clubs unserem Aufklärungsbegehren öffnen und demnächst anschließen werden. Je mehr das Bewusstsein für die
schwerwiegenden Verstöße steigt, desto besser kann alles aufgeklärt werden. Die Überzeugung muss in der Breite da sein. Die Unterstützung durch weitere Verbände und Clubs ist da natürlich sehr
hilfreich.

E-M /J. R.: Gibt es im Deutschen Eishockey zu viele Eigeninteressen, um das gesamte Deutsche Eishockey professioneller und langfristig international erfolgreicher zu machen?

Manuel Hiemer: Leider gibt es die noch. Aber, wie gerade beschrieben, liegt es an uns Mitgliedern im Spitzenfachverband, das zu ändern. Ich habe das Gefühl, dass sich in den ersten Clubs ein Umdenken abzeichnet. Man kann nicht mehr nur seine Vereins- oder Clubbrille aufsetzen und alles andere ignorieren. Nur wenn alle an einem Strang ziehen, kann das deutsche Eishockey international erfolgreicher und die Strukturen professioneller werden. Wir müssen aber unbedingt am richtigen Strang ziehen und die alten Seilschaften kappen. Sonst laufen wir in einen Stillstand oder erleben sogar einen Rückschritt.

E-M /J. R.: Herr Hiemer, vielen Dank dass Sie sich Zeit genommen und unsere Fragen beantwortet haben

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