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Wolfsburg. (JR) Sebastian Furchner ist Kapitän der Grizzly Wolfsburg . Der 38jährige Stürmer stammt aus dem Nachwuchs des ESV Kaufbeuren und hat seine DEL-Karriere... „Der Spieler sollte wissen, was er im schlechtesten Fall verdient“  – Wolfsburgs Sebastian Furchner im ausführlichen interview

Sebastian Furchner (WOB) jubelt – © Sportfoto-Sale (DR)

Wolfsburg. (JR) Sebastian Furchner ist Kapitän der Grizzly Wolfsburg . Der 38jährige Stürmer stammt aus dem Nachwuchs des ESV Kaufbeuren und hat seine DEL-Karriere bei den Kölner Haien begonnen.

Zur Saison 2008/2009 ist er nach Wolfsburg gewechselt und spielt bereits seine 13. Saison bei den Niedersachsen. Inzwischen ist er in Wolfsburg tief verwurzelt und auch in der Saison 2021/2022 wird man den immer noch flinken Angreifer in Wolfsburg auf dem Eis bewundern können. Wir haben ihm ein paar Fragen zu ihm, den Grizzly Wolfsburg und dem gesamten Deutschen Eishockey gestellt.

Eishockey Magazin (EM) / Jörg Reich (JR): Hallo Herr Furchner, vielen Dank, dass wir Ihnen ein paar Fragen stellen dürfen!
Sebastian Furchner: Gern, kein Problem.

EM / JR: Die Saison 2020/2021 ist eine außergewöhnliche und auf Grund der Umstände schwierige Saison für alle. Wie zufrieden sind Sie aus ihrer persönlichen und aus Sicht der Grizzly Wolfsburg mit dem Verlauf dieser Saison bisher?
Sebastian Furchner: Sie sagen es. Es hat schon im April/Mai begonnen, mit unzähligen Telefonaten und Gesprächen unter den Spielern, mit Managern und der Liga. Sehr nervenaufreibend und zeitintensiv. Letztlich haben wir aber einen Weg gefunden zu spielen. Da war erstmal eine gehörige Portion Erleichterung dabei. Der sportliche Alltag ist zurückgekehrt und es geht wieder darum, Punkte einzufahren. Wir haben viele Höhen und Tiefen, die Konstanz ist unser Problem in dieser Spielzeit.

EM / JR: Die Grizzly Wolfsburg haben gute Chance, die Playoffs zu erreichen. Allerdings wird das wohl ein harter Kampf zwischen den Grizzlys, Iserlohn, Köln und Düsseldorf um zwei freie Playoff-Plätze, der bis zum Ende der Hauptrunde gehen könnte. Aber egal wie diese Saison endet, der sportliche Erfolg ist diese Saison sicherlich nicht das einzige was zählt? Muss man diese Saison nicht vor allem als Übergangssaison sehen?
Sebastian Furchner: Wir sind mitten im Kampf um die Playoff-Plätze. Ich denke es wird ein enges Rennen bis zum Schluss. Wir haben eine gute Mannschaft und die Playoffs sind das klare Ziel.
Diese Meinung teile ich. Wir müssen uns schon die Demut vor der Situation bewahren. Aber es ist auch Profisport, da geht es ums Gewinnen. Es ist nicht immer einfach. Ein teilweise schwieriger Spagat zwischen Pandemie und Alltag im Profisport.

EM / JR: Die Spieler haben mit großen Zugeständnissen mit dafür gesorgt, dass es überhaupt eine Saison 2020/2021 geben konnte. Die nächste große Herausforderung wird die Planung der Saison 2021/2022 sein. Eines dürfte wohl jetzt schon klar sein, Gehaltseinbußen im Vergleich zur Vor-Corona-Zeit wird es weiterhin geben müssen. Ist das den Spielern bewusst?
Sebastian Furchner: Ich kann mich nur wiederholen: Was die meisten Spieler an Zugeständnisse gemacht haben, teilweise weit über die 25% hinaus, also 50% oder mehr, ist bewundernswert. Die Spieler haben damit eindrucksvoll bewiesen, dass sie unbedingt spielen wollen. Respekt an jeden einzelnen.
Was ich mitbekomme, machen sich alle Klubs Gedanken, wie Verträge für die neue Saison aussehen könnten. Staffelung der Gehälter nach zugelassenen Zuschauern oder ähnliches ist sicher eine Variante. Aus meiner Sicht ist für Klubs aber auch für die Spieler eine gewisse Planungssicherheit wichtig. Der Spieler sollte wissen, was er im schlechtesten Fall verdient, damit er sich mit seiner Familie darauf einstellen kann.

Sebastian Furchner von den Grizzlys Wolfsburg – © Moritz Eden/City-Press

EM / JR: Mit dem Gehaltsverzicht haben die Spieler ihr Verständnis für die aktuelle Situation der Clubs gezeigt. Ohne dies, würde es sicherlich aktuell kein Profieishockey in Deutschland geben. Obwohl es diese Saison keinen Abstieg aus der Liga gibt, haben die Clubs der DEL munter Kontingentspieler nachverpflichtet. Oftmals waren diese Nachverpflichtungen nicht notwendig und es hätte die Möglichkeit gegeben, dafür junge Spieler einzusetzen. Auf der einen Seite Gehaltsverzicht, auf der anderen Seite Nachverpflichtungen. Wie sehen Sie das als Spieler?
Sebastian Furchner: Das ist Sicherlich ein Reizthema was auch unter den Spielern diskutiert wird.
Ich denke, man muss schon den Einzelfall betrachten. Habe ich einen längeren Ausfall und das Gehalt wird ab einem gewissen Punkt von der BG übernommen, macht eine Nachverpflichtung absolut Sinn. Auch wenn ich einige Ausfälle im Kader habe und nur noch beispielsweise vier Verteidiger habe, muss ich im Rahmen meiner Möglichkeiten reagieren. Auch auf der Torhüterposition muss man eventuell reagieren, sollte hier etwas passiert sein.
Es gibt aber auch die eine oder anderer Nachverpflichtung bei der man sich schon auch wundert. Bei Klubs, die lange gesagt haben “Wir können nicht spielen” oder, die auch einen Top-Nachwuchs haben, sitzen dann plötzlich Spieler auf der Tribüne, weil kein Platz auf dem Spielberichtsbogen ist. Es wäre eine großartige Chance gewesen, junge Spieler zu testen und aufzubauen. Aber auch hier kenne ich den Hintergrund als Außenstehender nicht und kann mir deshalb nur schlecht ein Urteil erlauben. Man kann immer schnell schimpfen, wenn man die Hintergründe nicht kennt. Aber trotzdem sollte man den Sachverhalt kritisch hinterfragen.

EM / JR: Es gibt auch diese Saison Clubs, die spielen mit sage und schreibe sieben(!) Kontingentstürmern. Ist diese Anzahl nicht eindeutig viel zu hoch und nimmt den jungen Deutschen Spielern die Möglichkeit in der Liga zu spielen? Hat die DEL eine Chance verpasst, diese Corona bedingte Situation entsprechend zu nutzen und den jungen Deutschen Spieler mehr zu fördern?
Sebastian Furchner: Corona und die Folgen auch für unseren Sport hat alle überrascht. Im Nachhinein hätten alle Beteiligten vielleicht andere Maßnahmen ergriffen und auch besser oder anders reglementiert. Vielleicht auch beim Thema Nachverpflichtungen, U23 oder Kontingentregel.
Sebastian Furchner: Ich sehe ein ganz anderes Problem. In der nächsten Saison wird die U23-Anzahl pro Spiel von zwei auf drei erhöht, bei gleichbleibender Kontingentregel. Das bedeutet, man reduziert einen einheimischen Spieler über 23 Jahren aus der Liga. Ich bin gespannt, wie sich das auf die Ausgeglichenheit in der Liga auswirkt.

EM / JR: Die DEL sieht derzeit eine Selbstbeschränkung an Kontingentspielern von 9+2 vor. Fast alle Clubs schöpfen diese erlaubte Anzahl an Kontingentspieler aus. Muss man denn nicht jetzt darüber nachdenken, an der Anzahl der erlaubten Kontingentspieler etwas zu verändern?
Sebastian Furchner: Diese Frage wird immer wieder diskutiert. Als ich in die Liga gekommen bin, waren es 13 Kontingentspieler pro Spiel. Durch eine viel, viel bessere Nachwuchsarbeit sind wir qualitativ, aber auch quantitativ besser geworden, was uns eine Reduzierung auf jetzt neun ermöglicht hat.
Deutschland hat Olympisches Silber gewonnen, hat zuletzt eine sehr gute U20-WM gespielt, wir stellen den besten Spieler der Welt mit Leon Draisaitl. Ich denke nicht, dass sich die deutschen Spieler verstecken müssen. Deshalb sollte die Liga diesen Punkt in jedem Fall diskutieren. Gerade mit dem Hintergrund der Erhöhung der U23-Stellen pro Spiel.

EM / JR: Die Nachwuchsarbeit hat sich in den letzten Jahren enorm verbessert und es gibt eine viel größere Anzahl an jungen talentierten Spielern als früher. Eine Reduzierung der Kontingentspieler auf höchstens sechs je Club, dafür ein vermehrter Einbau junger Spieler in die Teams. Wäre das nicht der richtige Weg, neben einem moderaten Gehaltsverzicht der Spieler, die Kosten der Spielerkader zu senken und zugleich das Deutsche Eishockey weiter zu fördern?
Sebastian Furchner: Jeder Klub sollte nur ausgeben, was er hat. Das sollte ich im Privaten auch nicht anders machen.

EM / JR: In der Schweiz soll die Anzahl der Kontingentspieler auf sieben je Club erhöht werden. Der Schweizer Eishockeyverband, die Spieler und die Fanszene wehren sich massiv dagegen und haben dies zu einem großen Thema gemacht. In Deutschland scheinen sich Verband, Spieler und Fans nicht in stärkerem Maße für eine Reduzierung der Kontingentstellen einzusetzen. Können Sie uns erklären, warum es hier kein größeres Bestreben gibt, an dem derzeitigen Status quo etwas zu verändern?
Sebastian Furchner: Die Situationen sind in meinen Augen nicht vergleichbar. In der Schweiz soll es eine massive Erhöhung der Stellen geben. Bei uns reden wir von einer Reduzierung. Die Schweiz würde auch in meinen Augen den gleichen Fehler machen wie wir in Deutschland vor über 20 Jahren.

EM / JR: Mit der Gründung der Spielervereinigung SVE gibt es inzwischen einen Zusammenschluss der Spieler in Deutschland. Sollte sich die SVE nicht auch dafür einsetzen, mit den Clubs bezüglich dieses Themas ins Gespräch zu kommen? Wenn sich langjährige erfahrene Spieler zusammenschließen und mit einer gemeinsamen Stimme darauf drängen, dann müsste dies doch auch bei den Clubs Gehör finden?
Sebastian Furchner: Die Spielervereinigung ist für alle Spieler da, nicht nur für einheimische Spieler. Sie hat die Interessen aller Mitglieder im Auge, egal welcher Nationalität. Das ist auch richtig so.

Franz Reindl

DEB Präsident Franz Reindl – © by Sportfoto-Sale (MK)

EM / JR: Franz Reindl hat in Schweizer Medien die Schweizer davor gewarnt die Kontingentstellen zu erhöhen und es als großen Fehler bezeichnet, diese erhöhen zu wollen. Als der inzwischen ehemalige Sportdirektor Stefan Schaidnagel die DEL im Rahmen des Deutschland-Cups 2019 animiert hat, die Kontingentstellen doch endlich zu senken, hielt sich Franz Reindl vornehm zurück. Können Sie verstehen, warum Herr Reindl und der Verband nicht mehr Druck in Sachen Reduzierung der Kontingentstellen auf die DEL ausüben? Sollte da die Spielervereinigung nicht auch das Gespräch mit dem DEB suchen?
Sebastian Furchner: Soweit ich informiert bin, ist die Spielervereinigung in ständigem Austausch mit allen Parteien und wird akzeptiert und auch integriert. Über die Hintergründe mit Franz Reindl und Stefan Schaidnagel kann ich nichts sagen, dazu bin ich zu weit weg.

EM / JR: Man hat den Eindruck Kritik an der DEL scheint unerwünscht und derjenige der Kritik an der Liga äußert, wird in seine Schranken verwiesen oder ausgegrenzt. Kritik ist aber etwas, mit dem ein funktionierendes System zu Recht kommen sollte. Können Sie es sich erklären, warum die DEL überhaupt nicht klar kommt, mit sachlichen kritischen Äußerungen zu bestimmten Themen?
Sebastian Furchner: Zunächst möchte ich betonen, dass ich wenig davon halte, ständig zwischen Liga und Clubs zu differenzieren – wir alle zusammen sind die PENNY DEL. Dennoch macht uns Kritik, in angemessener Form geäußert, als Liga besser. Von Sanktionen wie Geldstrafen halte ich in diesem Zusammenhang eher wenig. Ich verstehe jeden Fan, der im TV auch mal sehen möchte, dass ein Spieler oder ein Trainer beispielsweise die Schiedsrichter kritisiert. Diese Emotionen gehören für mich dazu, wenn sie in einem angemessenen Rahmen bleiben.

EM / JR: Sie sind inzwischen 38 Jahre alt, werden auch nächste Saison weiter bei den Grizzlys spielen. Sicherlich gibt es schon Überlegungen, bezüglich eines Karriereendes? Da Sie in Wolfsburg ja sehr verwurzelt sind, wird man Sie sicherlich im Club halten wollen. Haben Sie schon konkrete Vorstellungen, welche Aufgabe Sie nach dem Karriereende übernehmen möchten?
Sebastian Furchner: Es ist ja schon seit 4-5 Jahren bekannt, dass ich nach meiner Karriere in die Geschäftsstelle der Grizzlys wechseln werde. Ich freue mich darauf.

EM / JR: Die Nachwuchsarbeit in Wolfsburg hat sich in den letzten Jahren weiterentwickelt. Dennoch gibt es sicherlich Möglichkeiten für Verbesserungen und vor allem eventuell das Ziel, mehr Spieler aus dem eigenen Nachwuchs für die Profimannschaft zu entwickeln. Wie sehen Sie das?
Sebastian Furchner: Das Stimmt. Wir sind sehr stolz, dass es ein Steven Raabe als einheimischer Spieler aus dem eigenen Nachwuchs zu den Profis geschafft hat. Alle Nachwuchsspieler sehen: Man kann es schaffen. Das ist sehr wichtig als Motivation. Unsere U17 spielt in der höchsten Liga, ein weiteres Indiz dafür, dass sich etwas bei uns im Nachwuchs tut. Wir sind auf dem richtigen Weg, aber wir sind noch am Anfang und haben viel Arbeit vor uns.

EM / JR: Herr Furchner, vielen Dank dass Sie sich Zeit genommen und unsere Fragen beantwortet haben!
Sebastian Furchner: Danke auch!

(Jörg Reich)

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Angenommen, es wäre wieder möglich, die Spiele im Stadion zu besuchen. Die Bedingung dafür wäre jedoch das Vorweisen einer erfolgten Corona-Impfung. Würdest Du zu den Spielen kommen?

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