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Gernot Tripcke: „Schlechteste Alternative ist nach den momentanen Vorgaben mit 1500 Zuschauern in der Mercedes Benz Arena in Berlin zu spielen“ Köln. (EM) Nun... DEL „Boss“ Tripcke und DEB Sportdirektor Schaidnagel kämpfen um einen Saisonstart – Entscheidung soll spätestens Ende Juli fallen

Gernot Tripcke: „Schlechteste Alternative ist nach den momentanen Vorgaben mit 1500 Zuschauern in der Mercedes Benz Arena in Berlin zu spielen“

© Sportfoto-Sale (DR)

Köln. (EM) Nun ist es also Fakt! Großveranstaltungen sind bis vorerst zum 31. Oktober bundesweit untersagt.

Ein klitzekleines Hintertürchen hat man sich dennoch offengelassen, denn das Verbot gilt für Großveranstaltungen, bei denen eine Kontaktverfolgung und die Einhaltung von Hygieneregelungen nicht möglich ist.

Einordnung von Großveranstaltung ist Ländersache

Zunächst einmal wäre zu klären, ab wann eine Veranstaltung als Großveranstaltung gilt? Pauschal beantworten lässt sich das bislang nicht, denn es gibt noch keine einheitliche Definition. Konkrete Regelungen, etwa zur Größe / Besucheranzahl der Veranstaltungen, sollen von den Bundesländern getroffen werden. Hier könnte es also unterschiedliche Einschätzungen zwischen beispielsweise Bayern, Nordrhein-Westfalen und Baden-Württemberg geben.

Kann ein „Eishockey-Hygienekonzept“ einen Saisonstart ermöglichen?

Wäre es für den Eishockeysport mit einem eigenen, speziell auf den Eishockeysport zugeschnittenen, Hygienekonzept möglich die Tür zu einem Saisonstart zu öffnen? Bezogen auf die reine Durchführung des Spielbetriebs könnte es noch gelingen, wenn man die Möglichkeit hat durch entsprechend größere Kabinentrakte Abstandsgebote einzuhalten. Beim Spielbetrieb auf dem Eis könnte auch ein schon mehrfach erwähnter Spezialhelm mit „Lüftungsschlitzen“ (wir berichteten) ein wichtiger Aspekt sein.
Den erforderlichen Mindestabstand von 1,50 Metern könnte man bei ohnehin wenig frequentierten Nachwuchsspielen sicherlich mit einem entsprechenden Hallenkonzept beim Einlass, an Versorgungsständen und auf den Plätzen hinbekommen. Im Seniorenbereich könnte das aber schon selbst in der Regionalliga zum Problem werden. Thomas Böttcher, Vorsitzender der Moskitos Essen, erklärte am Mittwoch, dass man in der kommenden Regionalligasaison mit durchschnittlich 600 Besuchern plane. Der Klub habe durchgerechnet, dass man unter Einhaltung des Mindestabstands bis zu 750 Besucher in die Halle am Westbahnhof lassen könnte. Diese Rechnung könnte also noch aufgehen, würde den Klub aber auch einschränken, wenn zum Beispiel zum Derby gegen Duisburg deutlich mehr als 1000 Zuschauer das Spiel live verfolgen möchten.

Virologe Hendrik Streeck: „Aerosole, Feuchtigkeitströpfchen und auch Viren halten sich bei Kälte viel besser in der Luft“

Aktuell beherrscht das Infektionsgeschehen um den Schlachtbetrieb in Gütersloh (Tönnies Fleisch) die Nachrichten. In diesem Zusammenhang berichtete der Bonner Virologe Hendrik Streeck einige interessante Fakten, die möglicherweise auch für den Eishockeysport von Bedeutung sein könnten. In der ZDF-Sendung „Markus Lanz“ sagte er: „Es ist wieder in einem Schlachtereibetrieb passiert. Wir wissen von Schlachtereibetrieben: Sie sind kalt und sie sind laut und man muss schreien. Wir wissen, dass durch die Kälte sich Aerosole, Feuchtigkeitströpfchen und auch Viren viel besser in der Luft halten können und dadurch auch besser eine Übertragung stattfinden kann. Beim Schreien werden diese Tröpfchen größer, die Übertragung ist einfach auch wahrscheinlich, sodass – was wir ja immer schon mal angenommen haben – es eine Wetterabhängigkeit und eine Temperaturabhängigkeit – wie für alle anderen Coronaviren im Übrigen auch – gibt. Wahrscheinlich sehen wir hier sehr deutlich, was Kälte und Trockenheit mit dem Virus macht.“ Und weiter: „Wir haben gelernt, dass die Ausbrüche gerne clustern in solchen Superspreading-Events. Wir gehen im Moment davon aus, dass zehn Prozent der Infizierten für 80% der Infektionen verantwortlich sind.“
Insbesondere seine Aussagen zum Thema Kälte könnten dem Eishockey einen Start besonders erschweren. Eine am 2. April im Journal „The Lancet“ veröffentlichten Studie bestätigt es ebenfalls. Darin heißt es, das Virus sei in Zellkulturen sehr stabil bei 4 Grad, aber anfällig für Hitze.
Bleibt noch die Frage nach der Nachverfolgung. Anders als im Restaurant oder bei Familienfeiern wird es bei einem gut besuchten Eishockeyspiel nicht möglich sein, dass sich alle Zuschauer in eine Liste handschriftlich eintragen. Eventuell könnten hier technische Hilfsmittel unterstützen. Etwa indem man beim Einlass eingescannte Karten personalisiert zuordnen kann oder auch ein reiner Onlineverkauf der Tickets.

DEB Sportdirektor Schaidnagel: „Wollen den Deutschland Cup im November vor Zuschauern spielen“

DEB Sportdirektor Stefan Schaidnagel – © by Sportfoto-Sale (MK)

Lassen die aktuellen Erkenntnisse über die Reaktion des Virus bei einer geringen Temperatur, die Verbreitung von Aerosolen und das Wissen zu den sogenannten „Superspreading Events“ dem Eishockey vor Zuschauern demnach fast kaum noch Spielraum für einen Saisonstart? Oder kann ein in sich schlüssiges Hygienekonzept doch noch die Tore der Eisstadien öffnen?
DEB Sportdirektor Stefan Schaidnagel gibt sich kämpferisch: „Der Beschluss der Bundesregierung ist für uns ein absolut ermutigendes Signal. Es liegt jetzt an allen Beteiligten im deutschen Eishockey, auf dieser Grundlage einen tragbaren Plan zu präsentieren, der überzeugt. Genau dies ist die Aufgabe der Task Force, die sich seit Wochen unter Federführung des DEB intensiv damit beschäftigt und bis Mitte Juli die entsprechenden Ergebnisse vorweisen wird. Es gibt keine Veranlassung, von unserem Fahrplan mit einem pünktlichen Saisonstart abzuweichen. Auch für den Deutschland Cup haben wir nun eine klare Perspektive und wollen im November in Krefeld vor Zuschauern spielen.“

Gernot Tripcke: „Schlechteste Alternative ist nach den momentanen Vorgaben mit 1500 Zuschauern in der Mercedes Benz Arena in Berlin zu spielen“

Gernot Tripcke – © DEL Media/ City-Press GbR

Zum Thema Saisonstart äußerte sich auch DEL Geschäftsführer Gernot Tripcke im Rahmen eines Sponsorentalks der Iserlohn Roosters: „Das sportliche Konzept wird gemeinsam mit dem Deutschen Eishockey Bund gemeinsam bearbeitet. Akut wird jetzt das Thema, wie kommen wir zurück in den Trainingsbetrieb und auch in den Spielbetrieb, was dann ja auch Nachwuchs- und Amateurmannschaften betrifft. Das ist das eine und da sind wir auch schon relativ weit. Die Lockerungen der letzten Wochen haben das auch schon deutlich erleichtert. Das zweite Thema ist die wichtige Frage unter welchen Umständen wir mit Zuschauern spielen können? Da werden sicherlich von uns Konzepte gefragt sein. Das ist bei uns ein bisschen verschachtelter, als im Fußball, die Zugriff auf ihr Stadion haben und alle zwei Wochen eine Veranstaltung haben. Es sind ganz unterschiedliche Nutzungsqualitäten in unseren Veranstaltungsstätten. Deshalb müssen wir da ganz eng mit den anderen Profiligen und insbesondere mit den Hallenbetreibern zusammenarbeiten. Wir versuchen jetzt gerade Konzepte zu entwickeln, die dann auch für die Hallenbetreiber auf alle Veranstaltungen adaptierbar sind. Wir versuchen das zu kanalisieren, um dann zur Politik zu gehen. Das Wichtigste ist, dass das pauschale Verbot aufgehoben wird. Das hieße wir können dann hoffentlich entsprechende Großveranstaltungen durchführen, wenn wir entsprechende Kontroll- und Hygienekonzepte haben. Jetzt ist es an uns diese Konzepte so darzustellen, dass sie dann auch wirtschaftlich Sinn machen. Stand heute ist es leider so, dass die zweitbeste Alternative zum Spielen, wie wir es kennen, ist nicht zu spielen. Die drittbeste Alternative ist ohne Zuschauer zu spielen und die schlechteste Alternative ist nach den momentanen Vorgaben mit 1500 Zuschauern in der Mercedes Benz Arena in Berlin zu spielen, die kein Catering machen dürfen und wo keine Toiletten sind. Damit wären sie noch mehr in den Miesen. Das müssen wir jetzt in den nächsten Wochen lösen, dass wir mit der gesundheitlichen, politischen und der gesellschaftlichen Entwicklung eine Entspannung hinkriegen, um so zu sinnvollen und ausreichenden Maßnahmen zum Schutz der Fans und Spieler zu kommen. Wir müssen Konzepte entwickeln, dass wir mit einer vernünftigen Anzahl an Zuschauern spielen und es a) Spaß macht sich das anzugucken und b) sich dann auch irgendwo rechnet.“

Und weiter: „Ich werde darum kämpfen, dass wir bereit sind, wenn es irgendwie möglich ist und wir der Politik Mittel und Wege mit auf den Weg geben können, dass sie uns guten Gewissens spielen lassen. Dann werden wir das probieren, wenn es wirtschaftlich und gesundheitlich Sinn macht. Klar gibt es Zwischenlösungen je weiter man vom September nach hinten geht. Mit der Hauptrunde kann man vielleicht noch ein bisschen etwas machen, aber letztendlich wird es dann irgendwo auf Kosten der Playoffs gehen.“
Gernot Tripcke kämpft um den Saisonstart am 18. September. Mitte Juli, spätestens Ende Juli will man eine Entscheidung dazu treffen. Auch aus logistischen Gründen benötigt man rund sechs Wochen Vorlauf.

Fans sind hoffnungsvoll, aber auch sehr gespalten

In den sozialen Netzwerken sind die Fans sehr gespalten in der Frage, ob es einen Saisonstart zumindest im Spätherbst geben kann. Einige User gehen davon aus, dass im Zuge weiterer Lockerungen auch Hallensport vor Zuschauern wieder möglich sein wird. Andere sehen die öffentlichen Aussagen verschiedener Funktionäre auch als einen wichtigen Punkt an. Tenor: „Nur wer permanent auf sich aufmerksam macht, bekommt am Ende auch möglichst hohe staatliche Zuschüsse, um zu überleben“.

Die kommenden Wochen und Monate werden zeigen, ob der Eishockeysport den Wettlauf gegen die Zeit gewinnen kann.

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